Paulas Blog erzählt von den Erlebnissen der Zeitungsente Paula Print. Wie sie als Lernende die Welt der Medien erlebt. Ohne Blatt vor dem Mund, wie es sich für ein humorvolles Agenturmaskottchen gehört.

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Shitstorm ist ein deutsches Wort

Hier geht es nicht um einen Wetterbericht, sondern um Social Media.

Seit kurzem gibt es an der Lauder Business School in Wien auch andere junge Leute, die vom Wissen der Chefin profitieren wollen. Sie kommen aus allen möglichen weit entfernten Ländern. Die Verständigungssprache ist also Englisch. Was die Sache für uns angestammten Auszubildenden spannend macht. Denn die Chefin erzählt uns nämlich nicht nur von den neuesten Lehrinhalten, sondern kommt auch mit ziemlich verrückten Fragen daher.

Neulich zum Beispiel hat sie mir aufgetragen, ich soll im Internet heraussuchen, was Shitstorm auf Englisch heißt. So ein Blödsinn! Das ist doch Englisch, habe ich mir gedacht. Gesagt habe ich: Wie das denn gemeint sei? Dann hat sie gesagt: Ja, das Wort Shitstorm käme zwar aus dem Englischen und bedeute so viel wie Scheiße und Sturm in einem Wort, sei also kein sehr feiner Ausdruck. Was zeige, dass die Leute – die diesen Ausdruck verwenden – ziemlich wütend sind über das, was bei einem Shitstorm passiert, und in ihrem hilflosen Ärger wenigstens einen englischen Kraftausdruck verwenden möchten. Sie hat uns dann erklärt, was ein Shitstorm ist und wie er entsteht: Da postet irgendjemand seinen Ärger über eine Firma oder ein Produkt auf Facebook oder Twitter oder einem anderen sozialen Netzwerk. Das greifen dann andere – gleichfalls Verärgerte – auf und posten auch solche Sachen. Dann nehmen die Medien, also gedruckte Zeitungen und Online-Medien, die Nachricht auf und diskutieren sie. Ab da hat die Firma mit ihrem Produkt eine ordentliche schlechte Nachred‘. Und kann das noch verschlimmern, indem sie Posts aus Social Media löscht, dafür sorgt, dass unliebige Videos aus dem Netz genommen werden, und schließlich nur mit einer nichtssagenden Pressemitteilung reagiert. Um aus diesem Sturm raus zu kommen, ist Einlenken und auf die Beschwerden eingehen das Rezept, mit dem die Firma reagieren sollte.

"Shitstorm" (deutsch) = "flame war" (englisch)

Zurück zum Ausdruck Shitstorm. Die Chefin hat dazu gesagt, dass im Oxford Dictionary zwar Shitstorm (deutsch) als Shitstorm (englisch) übersetzt wird, aber anderswo habe sie, die Chefin, gehört, dass das Wort nur einer der im Deutschen üblichen Anglizismen sei. Aber ein sehr gebräuchlicher. Denn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verwendet das Wort, und im Duden ist es mittlerweile auch enthalten. Also wie sagen die Engländer und US-Amerikaner zu Shitstorm? Ich habe mich an einen österreichischen Social Media-Experten gewandt. Der hat sich als nicht zuständig für sprachliche Dinge erklärt. Dann habe ich bei anderen Experten nachgefragt. Da kam dann zuerst der Kommentar: Haha, das ist ein guter Witz. Ich hab‘ aber nicht gelacht, sondern weiter nachgefragt. Und endlich hat’s jemand gewusst! Shitstorm heißt auf Englisch „flame war“! Und Shitstorm ist nur der im Deutschen gebräuchliche Ausdruck.

Danke!

Was man so alles lernt, wenn man sich mit Kommunikation befasst, habe ich mir gedacht. Und habe mich ordentlich bedankt bei allen, die mir auf meine Fragen geantwortet haben. Was ich hiemit nochmals – ganz offiziell – tue! Ein Hoch den Social Media.
Und hier noch schnell die Wikipedia-Information zu "flame war": https://en.wikipedia.org/wiki/Flaming_(Internet)

Kommentare

  • 25-01-2016 | 15:17
    Kommentar von: Kristin Engelhardt

    Danke für den interessanten Kommentar! Ich sehe schon, das Thema Shitstorm verdient noch mehr Vertiefung!

  • 08-01-2016 | 17:50
    Kommentar von: Clemens Zauner

    Es sei mir eine kleine Korrektur erlaubt. Denn es gab mal eine Zeit im Internet *vor* den socal-media, ja sogar vor der dot-com-Blase. Shitstorm war - bis vor kurzer Zeit, als der S*hitStorm - Hype in der Presse überhand nahm unter technikern sehr wohl gebräuchlich. Allerdings in einer leicht anderen Bedeutung: Nämlich in der passiven Form. Wenn viele Dinge gleichzeitig schief gingen (frei nach Murphy natürlich in der jeweils schlimmst-möglichen Form). Der Begriff war einfach die nicht-militärische Version des 'ClusterFuck'. Hatte aber nie was damit zu tun, dass einem andere Personen beschimpfen, oder man sozialem Druck ausgesetzt war. Ein Beispiel aus dem usenet, genauer der Monastry: ---- I'm at $ORKPLACE, having walked into the middle of a shitstorm. There is no better descriptor for it than that. It is a shitstorm. My mainframe operator, $DEITY bless his balding and empty head, brought up the TCP stack and out session manager software too close together, so that one of them queued up zillions of session requests and blew up messily before we could get the other to start accepting the session requests and connecting the lusers up to TSO. Fixing this requires an IPL (== reboot, for the non-dinosaur-keepers), for some arcane reason related to "address-space non-reusability" reasons. [...] And I just found out that one of the mainframe database systems (IMS, for those with strong stomachs), didn't come down right when the mainframe was being taken down for restart, and doesn't want to come up now, and that one or more of the databases may be hosed. [...] ---- Der 'Flame War' hat IMO nix mit der jetzigen, neumodernen Bedeutung von 'ShitStorm' zu tun; ein Flamewar war immer eine wechselseitige Beschimpfung von 2 oder mehr Personen, die sich alle gegenseitig nix schenk(t)en. Ich weiss das, ich war da vor Urzeiten schon bei solchen durchaus auch aktiv beteiligt (zu Zeiten, als es noch keinen Webbrowser gab). Die Idee mit dem Shitstorm als 'neo-Anglizismus' hatten irgendwelche Sprachwissenschaftler vor ein paar Jahren, die definitv der Post-Usenet-Generation angehören. Ist zwar eine nette Idee, aber leider nachweisbar falsch. Wenn gewünscht kann ich da sicher ursuperalte quellen raussuchen, aber einfach mal im Hackers Dictionary oder urbandictionary (das hat sogar eine Suchfunktion, www.urbandictionary.com) suchen. in der Monastry (alt.sysadmin.recovery) finden sich sicher noch viel ältere Beispiele.

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